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Eine halbe Befreiung? Zur Nutzung paralleler Narrative der Psychiatrie in sozialen Netzwerken

Zum Erfolg psychiatrischer Diskurse in digitalen Kulturen

Michael and Dellwing

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Michael, Dellwing, Eine halbe Befreiung? Zur Nutzung paralleler Narrative der Psychiatrie in sozialen Netzwerken (02.12.2020), Beltz Juventa, 69469 Weinheim, ISSN: 9783779960775, 2019 #1, p.172

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Description / Abstract

Die kritische Soziologie der Psychiatrie hat sich klassisch mit machtvollen Zuschreibungen pathologisierter Rollen beschäftigt und bemerkt, wie diese Pathologisierungen soziale Ordnungen aufrechterhalten. Jedoch ist die Veralltäglichung psychiatrischer Kategorisierung heute so weit fortgeschritten, dass sie erst zur Beschreibung jenseits psychiatrischer Professionen geworden ist, z. B. in der sozialen Arbeit und der Erziehung, wo sie auf Institutionalisierungen reagiert, in denen psychiatrische Zuschreibungen konsequenzreiches Verwaltungswissen im Alltag werden. Daran wirkt auch die einfach lesbare, handlungsbasierte Nosologie der Klassifikationskataloge wesentlich mit, die vom Bionarrativ, das sie legitimieren soll, vollständig getrennt bleibt. Von da aus sind diese Kategorien dann zur Selbstbeschreibung von Akteuren im Alltag geworden. Vor allem in sozialen Netzwerken ist dies deutlich zu beobachten. Diese Nutzung psychiatrischen Vokabular tut dies zunächst in einem Duktus der Aneignung, die den klassischen Autoritäten der Deutung widersteht; dabei greift sie jedoch die popularisierten Narrative der Psychiatrie verbatim auf. Der vorliegende Beitrag untersucht diese Aneignung psychiatrischen Vokabulars daher als eine halbe Befreiung: zwar widersteht sie der Deutungsmacht klassischer Instanzen. In ihrer Reproduktion der einfachen Körper-Bionarrative, an denen die psychiatrische Praxis entgegen lange verfestigten Erkenntnissen der Forschung festhält, verbleibt sie jedoch in den Normalitätserwartungen gegenwärtiger sozialer Organisation, die in diesem Körpernarrativ und in Diagnosekatalogen einstrukturiert sind.

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