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Die Manöverinszenierungen der Oktober-Revolution in Petrograd

Theatralität zwischen Fest und Ritual

Marina Dalügge

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Marina Dalügge, Die Manöverinszenierungen der Oktober-Revolution in Petrograd (2016), Narr Francke Attempto, 72070 Tübingen, ISBN: 9783772056017

Beschreibung

Zwischen 1917 und 1920 feiert das (bürger)kriegsgeschundene Russland die Stationen der virulenten, allseits bedrohten Revolution in zahllosen Umzügen und grandiosen Freilichtschauspielen. Trotz Elend und Chaos finden Fest und Feiern statt in einem Ausmaß und einer Pracht, die alle Kräfte und ganz Petrograd mobilisieren - und die Erklärung "Propaganda" und andere Totschlagwörter als logische Rohrkrepierer entlarven.
Kernstück der Arbeit sind drei nahezu unbekannte, spektakuläre Aufführungen, deren Handlungsverlauf, Kontext und Wirkungsästhetik hier dank seltener Quellen und Abbildungen gründlich ausgeleuchtet werden.
Erstmals wird die kulturelle Rückbindung des revolutionären Aufbruchs als primäre Schubkraft für den immensen Erfolg der Manöverinszenierungen fokussiert: der sozialpolitische "Perspektivwechsel" gründet in der Umgekehrten Perspektive der östlichen Ikonenmalerei, die Feiern übernehmen die Riten der orthodoxen Liturgie, und die Feste tradieren Bräuche des paganen Jahrmarkts. Deren Ästhetik befragt und erneuert den Wertecode, den jeder "Bauer in Uniform" zuverlässig versteht. Theatralität erweist sich hier einmal mehr als sicheres, produktives Re/Medium für das, was eine Gemeinschaft oder Gesellschaft im Inneren zusammenhält.

Open Access Angabe

Zwischen 1917 und 1920 feiert das (bürger)kriegsgeschundene Russland die Stationen der virulenten, allseits bedrohten Revolution in zahllosen Umzügen und grandiosen Freilichtschauspielen. Trotz Elend und Chaos finden Fest und Feiern statt in einem Ausmaß und einer Pracht, die alle Kräfte und ganz Petrograd mobilisieren – und die Erklärung „Propaganda“ und andere Totschlagwörter als logische Rohrkrepierer entlarven. Kernstück der Arbeit sind drei nahezu unbekannte, spektakuläre Aufführungen, deren Handlungsverlauf, Kontext und Wirkungsästhetik hier dank seltener Quellen und Abbildungen gründlich ausgeleuchtet werden. Erstmals wird die kulturelle Rückbindung des revolutionären Aufbruchs als primäre Schubkraft für den immensen Erfolg der Manöverinszenierungen fokussiert: der sozialpolitische „Perspektivwechsel“ gründet in der umgekehrten Perspektive der östlichen Ikonenmalerei, die Feiern übernehmen die Riten der orthodoxen Liturgie, und die Feste tradieren Bräuche des paganen Jahrmarkts. Deren Ästhetik befragt und erneuert den Wertecode, den jeder „Bauer in Uniform“ zuverlässig versteht. Theatralität erweist sich hier einmal mehr als sicheres, produktives Re/Medium für das, was eine Gemeinschaft oder Gesellschaft im Inneren zusammenhält.

Beschreibung

Marina Dalügge hat Theaterwissenschaft und Slavistik studiert, und nach zwei Forschungsaufenthalten in St.Petersburg am Institut für Theaterwissenschaft der FU Berlin promoviert. Sie arbeitet heute als Lektorin für Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

  • BEGINN
  • Inhalt
  • Einleitung
  • 1. Festrahmen und Schwellenphasen
  • 2. „Ausschlag“ oder „Wangenröte“?
  • 3. Kontaminationen und Konfrontationen
  • 4. Forschungsstand und Problemstellungen
  • 5. Thesen und Vorgehensweise
  • I. Symptome der Theaterkrise: Von der „Unnötigen Wahrheit“ zur „Verneinung von Theater“
  • I.1. „Doppeldeutigkeit“ und ‘Dilemma’ von Revolution (1905) zu Revolution (1917)
  • I.2. Das Theater als ästhetische Krisenanstalt: Schauspieler und Handlung
  • I.3. Das Theater als soziale Krisenanstalt: Zuschauer und Wahrnehmung
  • I.4. Das Theater und sein Wi(e)dergänger: Der Fall Ajchenval’d
  • II. Gegenkonzepte zur Theaterkrise: Von der „Synthese“ zum ‘Perspektivwechsel’
  • II.1.1. Von Chören und Solisten
  • II.1.2. „Sobornost’“ als Gemeinschaftsbegriff
  • II.1.3. „Sobornost’“ als Handlungsbegriff
  • II.1.4. „Sobornost’“ und „Communitas“
  • II.1.5. Ivanovs Chorhandlung
  • II.1.6. Die Chorhandlung — Dilemma zwischen Glaubensgemeinschaft und Theatergemeinde
  • II.2. Vsevolodskijs „Dejstvovanie“
  • II.3. Lunačarskijs ‘Perspektivwechsel’
  • III. Die Eroberung des öffentlichen Raums
  • III.1. Zeitsprünge
  • III.2. (Bürger)Krieg und (Diktat)Frieden: die Akteure
  • III.3. Das „Mythologische Bewusstsein“
  • III.4. Krieg und Kunst: vom „Ort“ zum „Raum“
  • III.5. Der ‘mythologische Marsch’
  • III.6. Vom „Raum“ zum „Ort“
  • IV. DER STURZ DER SELBSTHERRSCHAFT
  • IV.1. Die „inscenirovka“ als Szenarium eines Soziotops
  • IV.2.1. Handlungsverlauf des STURZES im geschlossenen Raum
  • IV.2.2. Handlungsverlauf des STURZES unter freiem Himmel
  • IV.3. Bezugsrahmen und Subtext
  • IV.4. Bezugsgröße: Der STURZ zwischen „revolutionärer inscenirovka“ und Ritual
  • IV.5. Wirkungsästhetik des STURZES:‘ Manöverhaftigkeit’ als „Zeugniswerk“ eines Soziotops
  • V. DIE III. INTERNATIONALE
  • V.1. Vorbemerkung
  • V.2. Skizze des Handlungsverlaufs
  • V.3. Bezugsrahmen und Subtext
  • V.4. Bezugsgrößen: Jahrmarkt, Balagan, Schlachten-Stücke
  • V.5. Wirkungsästhetik der III. INTERNATIONALE: ‘Manöverhaftigkeit’ als Spiel- und Funktionslust der Truppen
  • VI. DIE ERSTÜRMUNG DES WINTERPALAIS
  • VI.1. Inszenierung eines Coup d’État — Inscenirovka als Coup de théâtre
  • VI.2. Montage des Handlungsverlaufs
  • VI.3. Bezugsrahmen und Subtext
  • VI.4. Bezugsgröße: Die ERSTÜRMUNG als Triumphzug der Bolschewiki
  • VI.5. Wirkungsästhetik der ERSTÜRMUNG: ‘Manöverhaftigkeit’ als Manövrierbarkeit der Massen
  • Schlusswort
  • 1. Neue „Grammatik“ mit alten „Ismen“
  • 2. Alter Hiatus der neuen Grenzgänger: Masseninszenierung vs. Manöveraufführung, und Begründungen für deren Ende
  • 3. Von „Anführern“, Aufführern und „Ausführern“
  • 4. Der Faktor „Zeit“ trennt Effektivität von Effizienz
  • 5. Theatralität als Re--Medium gegen kompetitive Raster
  • Literatur
  • Abbildungsnachweise
  • Denken und Danken

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